about

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Der Drang zu erschaffen und die Freude daran zu sehen was ich geschaffen habe ist der Grund für mich Kunst zu machen.

Ich erforsche mein Ich-sein in dieser Welt. Das tue ich mit allem was mir zur Verfügung steht. Mein Körper, meine Identität, meine Sprache, Graphit, Aquarell, Tusche und Fundstücke.

Das Mörschiversum.

Ich habe sechs Hauptcharaktere entwickelt, die den Ursprung meiner Arbeit bilden. Aus ihren Eigenschaften und Mitbringseln ist ein logisches System entstanden: Fox It.

Zeichnungen, Leinwände, bedruckte Nachthemden und ein Kopfgestell, sowie ein gefundenes Silikonschwert mit Wackelspitze sind der Kern dieses Zykluses.

Nisrek Varhonja ist eine dieser Charaktere und mit dieser Identität habe ich 14 Jahre gelebt und gearbeitet.

In meiner Denkmütze und meinem Verschwindungsdress bin ich durch mein genähtes schwarzes Loch gereist (Fernsehinstallation „Das schwarze Loch“, 2015), ich habe ein Wort so lange geschrieben bis es verschwunden ist (Ein Aus im Anschluss, 2015). Ich habe meinen Stammbaum in brauner Mischwolle gestrickt. In meinem Beweis von nichts habe ich die Nichtexistenz des Wortes nicht bewiesen.

Für meine Echthaarmütze habe ich mein eigenes Kopfhaar drei Jahre gesammelt, zu kleinen Kügelchen gefilzt, aufgereiht und eine Mütze daraus genäht. Alles was ich getan habe, gegessen, erlebt, geraucht, womit ich in Berührung gekommen bin ist dort gespeichert.

100 Tage habe ich mir je ein Blatt auf den Bauch geklebt und eine Kette mit einem Graphitanhänger getragen. Daraus sind 100 Bauchzeichnungen entstanden. Alle ähnlich, aber nicht gleich. Ich als Seismograph. Ein Archiv meiner Bewegungen.

Das Mörschiversum ist ein Archiv, ein Archiv meines Lebens. 

In meinem handgenähten Siga Overall und meiner Echthaarmütze aus meinem gesammeltem Kopfhaar habe ich im Febraur 2018 meine Mörschwerdung bekannt gegeben.

Nisrek Varhonja war Rechtshänderin. Kerstin Mörsch malt und zeichnet mit links.

Kerstin Mörsch, Januar 2019

 

Mein Leben in der Denkmütze – Nisrek Varhonja im Portrait.

Ein Text von Kerstin Mörsch, erschienen im Kölner Stadtanzeiger am 13.03.2017

Als Nisrek Varhonja mich fragte, ob ich einen Text über ihren neuen Werkzyklus Genähtes Entfernt schreiben möchte, fühlte ich mich geschmeichelt, mir war aber auch durchaus bewusst, dass dies keine leichte Herausforderung ist. Wer Nisrek Varhonja schon einmal persönlich begegnet ist und mit ihr über ihre Arbeit gesprochen hat, wird wissen, warum.

In einer Nisrek Varhonja Welt, oder besser gesagt, im Nisrek Varhonja Universum, sind herkömmliche Gesetze außer Kraft gesetzt. Wer mit seinen eigenen Vorstellungen und Gesetzmäßigkeiten kommt, wird gleich des Platzes verwiesen und darf sich neu hinten anstellen. Und wer schon mal an einem Wochenende das Phantasialand besucht hat, weiß, dass dies kein Spaß ist, hat man doch so lange auf eine Fahrt gewartet.

Es hilft alles nichts: Der Eintritt ins Nisrek Varhonja Universum ist frei, aber nicht umsonst.

Also lege ich brav mein Schubladendenken ab, nicht wissend, dass ich überhaupt eins benutze, und lasse mich auf diese Entdeckungsreise ein.

Das Universum ist so angelegt, dass man sich frei darin bewegen kann. Dennoch folge ich der Universumsmap, die zweisprachig als kleiner Faltplan am Eingang ausliegt, und mich chronologisch zuallererst in die Fox It Welt führt.

Fox It ist eine Abkürzung von Fox in thights, Fuchs in Strumpfhosen. Was ich dann auch sehe: in Massen. Fuchsladys in Strumpfhosen. Beiwerk, denn eigentlich geht es um die sechs Hauptfiguren im Universum: Peter, MotherfoxNisrek Varhonja herself, der Devilsfoxlady, Brian Bee und It, der Story, einer Kugelfigur, die alle anderen fünf Hauptcharaktere in sich birgt.

Und spätestens jetzt komme ich mit meiner Beschreibung von dem, was ich sehe, an meine Grenzen. Bilder, Zeichnungen, ein Kopfgestell, zwei bedruckte Nachthemden mit dem Titel: Für Peter und Nisrek, Siebdruck auf 2 Nachthemden, 2004 und ein goldenfarbenes Silikonschwert mit Wackelspitze. “Das ist ein Fundstück aus Stockholm”, strahlt Nisrek Varhonja und hält das Schwert wie einen Schatz in ihren Händen. “Geschwedet”, ein Wort was noch des öfteren im Zusammenhang mit der Kunst von Nisrek Varhonja fällt.

In The Factory, Mischtechnik auf Papier, 150cm x 350cm, 2004, einem der beiden Hauptwerke des Fox It Zyklusses sehe ich Foxladys und kleine, orangene Figuren mit Baseballcap, den Workers, die über das Papier eilen und überall dort auftauchen, wo sie gebraucht werden. Mal flitzen sie mit einem Strumpfinnenleben einer Foxlady hinterher, mal eilen sie herbei, um einen Schmetterling zu retten, dem man versehentlich, wie die Künstlerin betont, mit der großen Papierschere einen Flügel abgeschnitten hat. In einem Skulpturenpark mit nur einer Skulptur, diese allerdings zigfach vorzufinden, “Gabriel, the first”, mit dem Kopf von Peter unter der DenkmützeNein, es sei Brian Bees Kopf, der ja eigentlich auch nur der Kopf von Peter ist, aber von einer gestreiften Strumpfhose verhüllt, schwarz-weiss gestreift, weil er doch mal als Zebrastreifen gearbeitet hat. Brian Bee ist die Spiegelfigur von Peter, genauso wie die Devilsfoxlady die Spiegelfigur von Motherfox ist, was man ja eigentlich sehen müsste, beide mit Fuchsköpfen, der eine gehörnt.

Die Bekanntschaft mit der Devilsfoxlady mache ich dann im zweiten Hauptwerk von Fox It, One Black Painting, ein ebenso großes Bild auf Leinwand aus dem Jahr 2005.

Hier taucht neben der Devilsfoxlady am rechten Bildrand in ihrem Wendemantel aus starren Sechsecksystemen außen und dem beweglichen, wachsenden Aderngeflecht innen, auf ihrer Höllenmaschine, mit Vollgas in die Bildmitte und ins Bildgeschehen rasend, eine neue Spezies auf, die Toys, Spielsteine mit Fuchskopf, klar. Sie haben Sprungfedern als Beine, mit Westernstiefeln dran, so wie ihr Vorbild Brian Bee.

Im Bildgeschehen geht es hoch her: Schauplätze, wohin man schaut. Und wieder Fuchsladys und Longlegs, das sind die Fuchsdamen, die es geschafft haben, sich im System festzuhalten, da wachsen dann die Beine, Longlegs, so wie Peter und Nisrek selbst.

Ich sehe Pferde, einen Regenbogen, einen tanzenden Hund, ein Andenken an ihren verstorbenen schwarzen Labrador, versichert mir die Künstlerin. Ein Portrait taucht immer wieder auf, irgendwo habe ich das Gesicht doch schon mal gesehen.

Links im Bild rennt ein Worker mit dem Herz der Zeichnung über die sechseckigen Quadrate, gerade noch dem feuerspeienden Dragi entkommen. Sonst wäre das ganze Bild nichts geworden, monatelang umsonst gearbeitet, verrät mir Nisrek und verdreht die Augen.

Mir tun die Augen weh und die Ohren. Aus einer gallertartigen urroten Ursuppe höre ich und sehe eine Tür, die aufspringt und “der perfekte Opener”, Peter, rutscht über die Urrutsche?, nein, keine Urrutsche, es ist der Ur-Sprung, den Peter wagt. Okay, hier steige ich aus. Nisrek Varhonja ist voll in ihrem Element und beteuert mir, dass alles logisch sei in der Fox It Welt und wenn es doch einmal keine Erklärung gebe, dann gibt es da ja noch das “Hole” in the story, das Loch in der Geschichte. Okay, den Ausgang würde ich jetzt auch gerne nehmen und sehne mich nach etwas Ruhe. In meinem Kopf rumort es. Nisrek Varhonja verspricht mir etwas Ruhigeres. Für einen Kaffee bleibt leider keine Zeit, es gibt noch so viel zu sehen und ich müsste alles wenigstens kurz ansehen, um das Gesamte zu verstehen.

Einen Rote Beete Saft könne sie mir anbieten, ob ich wisse, dass rote Beete sich hervorragend zum Schreiben verwenden lasse? Sie verschwindet förmlich, wenn man die Blätter ins Licht hält.

Vorbei an den Felloten erster Generation, fellartige, gezeichnete Konstellationen auf großen Papieren, bewegen wir uns in gemächlichem Tempo entlang der chronologischen Reihenfolge ihrer Werkgruppen, die alle nach Fox It entstanden sind. Für jede Hauptfigur in Fox It gebe es eine passende Werkgruppe, erklärt sie mir und ja, richtig, irgendwo habe ich dieses Fell schon mal gesehen. Ach ja, die Devilsfoxlady mit ihren zwei toten Füchsen um den Hals.

An einer Reihe kleinformatiger Tuschezeichnungen halte ich an. Reich voller Könige, mit einer Radiernadel habe sie ins Papier geritzt und dann später Tusche darüber laufen lassen, eine faszinierende Technik, ähnlich einer Radierung oder wie das Entwickeln einer Schwarz-Weiss-Fotografie, und doch etwas ganz Eigenes. Berg der ErkenntnisMaserat oder Heilige Erdnuss; innerlich muss ich lachen, die Erdnuss heilig, weil sie die Unendlichkeit oo in sich birgt. Passt. Logisch. Das sei die Werkgruppe von Brian Bee, Peters Spiegelfigur. Über Brian Bees Kopf schwebt immer eine Glühbirne, er ist der helle Kopf der Geschichte mit goldenen Westernstiefeln und immer für einen Scherz bereit.

Weiter geht es mit einer Reihe von Graphitköpfen, too, so der Titel dieser Werkgruppe von Motherfox. Wochenlang habe sie nur Graphitübergänge gezeichnet, von 8b bis 6h, von außen nach innen. Ich erkenne nicht, wo ein Bleistiftgrad endet und der nächste beginnt. Sie erzählt mir von dem Bleistift F, der mit seiner Bezeichnung aus der Reihe des Graphits herausfällt und dennoch seinen Platz in der Reihe, irgendwo zwischen HB und B hat. Ob sie Herrn Castell einen Brief schreiben und nachfragen solle, für was das F stehe, fehlender Bleistift, Fehler, oder Fehlinformation oder einfach nur für fergessen.

Den ersten Teil des Varhonja Universums habe ich jetzt besichtigt. Wir bewegen uns weiter durch eine sechsteilige Drehtür in einen langen Flur, ihrem Hauptfindungsweg. In dutzenden Zeichnungen, den Kreuzungen, hat sie in Büchern und auf Einzelblättern ganze Abfolgen von Graphitzeichnungen erschaffen. Ein Blatt entsteht aus dem vorherigen, entweder durch einen Abdruck, eine Ritzung, eine Frottage oder eine NV Radierung (Radiergummi auf Papier).

Während sich Nisrek Varhonja noch mit der Frage der Abstammung, der Frage nach Original und Kopie, befasst, fühle ich mich schon zu einem gestrickten braunen Etwas hingezogen, welches an einem Nagel in Augenhöhe hängt. Ich lese: Stammbaum gestrickt (hängend), braune Mischwolle, 134cm lang, 2014, die Strickstücke, Felloten zweiter Generation. Neben dem Stammbaum auch einen Umweg mit Sackgasse, gestrickt (hängend), ca. 3,5 m. Eine Sehnenscheidenentzündung habe es ihr eingebracht, das viele Stricken.

Jetzt befinde ich mich laut Universumsmap im dritten und damit letzten Teil der Varhonja World, im Genähten Entfernt. Es ist der aufgeräumtesteste Raum, klar und ohne viel Schnickschnack. Hier bin ich nun. Über diesen Zyklus sollte ich schreiben. Ein Geräusch lässt mich aufhorchen. Ich sehe ein Fernsehgerät, darin taucht die Künstlerin auf mit einer schwarzen Maske. Das sei keine Maske, erklärt sie mir ernst, das ist ihre Denkmütze mit einer trichterförmigen Ausbuchtung auf dem Kopf, mit der Öffnung nach oben und zwei Löchern. Nasenlöcher, wie sie beteuert, sonst bekomme man keine Luft in ihrer Denkmütze.

In einem weißen Jogginganzug mit einem weißen Baumwollhandschuh an der rechten Hand mit dem Titel Neugier, bei dem der Zeigefinger fehlt und nur noch eine schwarze Naht zu sehen ist, schwarzen Westernstiefeln an den Füßen, die sie auch schon für den Film Air Force One-der König zieht Rhein trug und den beiden Handarbeiten Dummheit und Wagnis an der linken Hand, erscheint sie im Fernseher. Mit dem nächsten, nein, übernächsten Hüpfer, leider ein Fehlversuch, verschwindet sie und ich höre das Geräusch der landenden Westernstiefel im Raum nebenan. Auch dort ein Fernseher.Fernsehinstallation Das schwarze Loch, Nisrek Varhonja in hoher Fernsehauflösung, klar, ein anderer Titel, undenkbar. Aber undenkbar existiert in einem Nisrek Varhonja Universum nicht.

Ich sehe ein. Drei weiße, genähte Wörter, am Boden liegend. Sie erzählt mir, dass es fast zwei Wochen dauert, ein Wort zu nähen und man sich wirklich gut überlegen muss, welche Wörter diese Zeit wert sind.

Zeit, das wird mir klar, ist eins der zentralen Themen dieses Werkes: Ob sie aus einer Buchseite alle Wörter sorgfältig ausschneidet und übrig nur das löcherige Blatt bleibt, oder drei Monate an einem schwarzen Loch näht, das mehr wie eine Schnürsenkelschnur aussieht und nur bei ganz genauem Hinsehen den schwarzen Faden zeigt, der immer und immer wieder um den Rand geführt ist, bis von dem schwarzen Theaterstoff nichts mehr zu sehen ist.

Sie erklärt mir mehrmals, wie sie es angestellt hat, das Loch zu nähen. Es mache Sinn, verstanden habe ich es nicht. Aber es passt in eine Hosentasche, in ihren Verschwindungsdress, in dem sie von Fernseher zu Fernseher hüpft oder  von einer auf die andere Seite, denn vom Hin-und Herhüpfen hat der Verschwindungsdress schwarze Streifen an den Seiten. Aus an, aus an. Ein Aus im Anschluss, so heißt auch die 18-teilige Auszeichnungserie. Sie schreibt “aus” an “aus”, obwohl sie ja nur “aus” schreibt, erklärt sie mir und schaut mich verschmitzt an. Ob ich das verstehen würde, es wäre ja so gut. Sie schreibt “aus” an “aus” mit einer Feder und schwarzer Tusche auf Papier. Die Tusche, die sie verbraucht, ergänzt sie durch Wasser. Sie schreibt, bis nichts mehr zu sehen ist. 18 Din A1 Blätter, die immer heller werden, fünf Monate hat sie geschrieben. “Ich wußte, irgendwann ist es vorbei.” Eine weiße Gipsbüste steht auf einem weißen Sockel in der Mitte des Raumes. “Ohne Titel” nennt sie die Arbeit. Eine Gipsbüste, die sie viele Jahre begleitet hat, das Gesicht abgeschliffen, nichts mehr zu sehen. Beängstigend und anziehend zugleich. Der Inhalt, kommt es in meinen Kopf, das ist der Inhalt der Denkmütze, die ich doch schon mal irgendwo gesehen habe. Ja, jetzt fällt es mir ein, in the factory, Gabriel the first, der Skulpturenpark.

Wenn ich die Denkmütze jetzt tragen würde, dann würde es aus dem Trichter nach oben rauchen. Ich gehe in Gedanken den ganzen Weg noch einmal zurück, verlasse ein Aus im Anschluss, das Stampfen der auf dem Boden ankommenden Westernstiefel wird leiser, ich wandere auf ihrem Hauptfindungsweg mit seinen Rheinlingen und Rasterzeichnungen aus Graphit und schlendere durch das Reich der Könige, too und den Felloten, Graphitziös, den großen Leinwänden mit Graphitpulver, für die jetzt keine Zeit mehr übrig bleibt.

Im Fox It Raum treffe ich Nisrek Varhonja wieder, die sich zwischenzeitlich anderen Varhonja World Besuchern zugewandt hatte. Mit einem zwinkerndem Auge fragt sie mich, ob ich alles gesehen und vor allem alles verstanden habe. Ich bin mir sicher, das ich nicht wirklich alles verstanden habe. Aber ich habe viel entdeckt auf meiner Reise. Ich habe ein Werk kennengelernt, was seinesgleichen sucht. Ich weiß nicht, ob das, was ich gesehen habe, Kunst ist oder nicht. Ich lächle innerlich. Der Beweis von Nichts. Nisrek Varhonjas mathematischer Beweis, dass das Wort “nicht” nicht existiert. Dann weiß ich es ja doch. Egal, auf jeden Fall war es eine spannende Reise.

Der Eintritt ist frei, aber nicht umsonst.

Zum Abschied schenkt sie mir “brain”, ein object acheté, einen von 12 weißen Gehirnradiergummis in einer durchsichtigen Plastikschachtel.

Danke, Nisrek Varhonja.

 

Im Sog des Unwahrscheinlichen

Zu den Arbeiten von Nisrek Varhonja
von Phyllis Kiehl, 2009

Aus vielen potentiellen Zugängen ist es mein Anfang, mich Nisrek Varhonjas Bildwelten unter dem Aspekt der Phantastik zu nähern. So ausdrucksvoll sind die teils organisch, teils plastillin anmutenden, wuchernden Formen und Geschöpfe, die ihre Formate bevölkern, dass diese keine Untergründe zu sein scheinen, sondern Spielwiesen für die von Varhonja ins Leben gerufenen Existenzen. Eine Vorstellung tut sich mir auf: Als habe die Künstlerin ein riesiges Paket fiktiven genetischen Materials zur Verfügung, das sie über den Territorien ihrer Wahrnehmung abwirft, und dieses Material habe die Fähigkeit, gewohnte Strukturen in einen Zustand der Metamorphose zu versetzen. In einem gleichermaßen Schöpfungs- wie Aneignungsakt entwickelt Varhonja eine surreale, sinnliche, dicht bevölkerte Welt, in der sie allein die Fäden in der Hand hält.

Das Kontinuum dieser Bildwelt kommt ohne Zitate und Verweise aus. Kein visueller Einfluss von außen ist als solcher erkennbar, sämtliche dem Betrachter alltäglichen, vertrauten Formen sind in Varhonjas Kosmos transformiert, codiert, zu neuen Wesenheiten verschmolzen, die in komplexe räumliche Szenarien eingebettet werden. Manche, wie jene im „Fox it“ – Zyklus, tragen Namen wie „Devilsfoxlady“, „Motherfox“ oder „Brian Bee“.

Verschachtelte Räume öffnen sich, Membranen, Fellstrukturen, sezierte Fetzen illusionistischen Materials enthüllend. Ausformungen von Krallen, Panzern, Flüssigkeitskreisläufen halten den Blick fest, darüber schwebend Gewebeballen, die mit der Anmut organischer Luftschiffe durch gedachte Landschaften ziehen. Die polymorphen Figuren, in früheren Arbeiten noch aus dem Bezugssystem des menschlichen Körpers entwickelt, sind in neueren Formaten abstrahiert und auf weißen Grund gestellt, wie Teilansichten größerer, nun vegetativer Organismen wirkend, ein Spiel mit Maßstäben.

Charakteristisch, dass diese Gebilde einer permanenten Evolution unterliegen, die von Varhonja, ihrer Schöpferin, Entdeckerin und Chronistin, mit Hingabe zum Detail begleitet wird. In der Abfolge der Zyklen ist eine starke Entschiedenheit spürbar, sich nicht vom bereits erfassten einschläfern zu lassen, keine Definition, keine Identität als endgültig ansehend, immer weiter zeichnend, wandernd, hungrig nach den nächsten Entdeckungen im selbst geschaffenen Bildkosmos.

Wie es Evolutionen – die phantastischen wie die realen – so an sich haben, braucht auch diese ihre Zeit. Das ist den teilweise sehr großformatigen Arbeiten anzumerken: Es vergeht eine Menge Zeit, während sie Gestalt annehmen; unendliche, manchmal zähe Detailarbeit ist zu verrichten. Schicht um Schicht entsteht die Zeichnung, mitunter räumlich, immer plastisch.

So unterschiedlich die Materialien, derer die Künstlerin sich bedient, so verschieden auch die Eindrücke der Oberflächen, die entstehen: Da öffnet sich eine ganze Welt von Beschaffenheiten, feinste, gestrichelte Ebenen überlagern transparente Abgründe, flüssig und fest, scharfkantig und wollüstig gerundet zeichnen sich Figuren ab, auf zarte, gazeartige Schichten krallen sich verfestigte Strukturen wie Symbionten, das eine das andere nährend. Im Inneren von Varhonjas Kosmos, in den Falten und Verwerfungen, Knoten und Blasen dieser Bildräume warten unzählige Details auf den Blick des Betrachters, um zu Assoziationen aufzublühen: Hier wirkt eine verschwenderische Hand.

Sie suche, schreibt Varhonja in einem Brief, in ihren neuen Arbeiten nach Freiheit und Klarheit. Nun, was gesucht und was vom Betrachter gefunden wird, erfahrungsgemäß sind das zwei sehr verschiedene Dinge. Als Gast in den Szenarien der Künstlerin zeugt mir die Verbindung über Nacht eine merkwürdige Assoziation: Ich sehe einen Sack aus lichtundurchlässigem Material vor mir, frei schwebend in der Dunkelheit. Darin, das weiß ich, befinden sich eine lebendige Schlange. Und eine Maus. Wie ein intuitives Tentakel greift dieses Bild aus dem unbewussten auf mich über, und ich erwache morgens mit der Frage, wie in den Sack greifen, die Maus retten, ohne von der Schlange gebissen zu werden? Was würde Nisrek Varhonja dazu sagen?

Keine Ahnung. Eben dieses nicht-wissen ist es, das mich gespannt bleiben lässt auf ihre Position. Die Stärke und, ja, das Geheimnis ihrer sehr eigenständigen künstlerischen Haltung liegt darin, dass sie nicht von anderen vorausgedacht werden kann. So wenig, wie ich weiß, wie die Künstlerin meine illusionäre Frage beantworten würde, kann ich mir vorstellen, welche Membranen sie auf ihrer schöpferischen Entdeckungsreise noch durchstoßen wird, um in neue Dimensionen vorzudringen. Nur eines ist klar: Sie wird sich dabei nicht beirren lassen, wird weiter forschen. Sie wird ihren eigenen Kontext schaffen, den üblichen konventionellen Einordnungen immer einen Schritt vorauseilend. Ausflüge ins dreidimensionale wie der von ihr entworfene Würfel, der ihre neuen Zeichnungen beherbergt, werden auch weiterhin für Überraschung sorgen. Mir scheint, der Würfel kann Symbol und Schutzraum für frisch entstehendes werden, das die erste Metamorphose noch nicht abgeschlossen hat. Was danach kommt, bleibt, ganz im Sinne der Künstlerin, immer eine Annäherung, die sich beizeiten selbst überholen wird.

 

english:

The urge to do something and the joy of seeing what I have done is the reason for me to do art.

I explore my being in this world. I do it with everything that is available to me. Body, identity, language, graphite, watercolor, ink, found objects.

The Mörschiverse.

In the beginning I have developed six main characters. Each of them brought their own characteristics and qualities, which enabled the creation of my logical system – FOX IT.

A series of drawings, two printed night skirts, a special head piece and a found silicon sword with a shaky top are since then the base of my work.

Nisrek Varhonja is one of my characters. I lived and worked with this identity for 14 years in the real world.

In my Thinking Cap and my disappearance dress I traveled through my sewn black-hole. I wrote one word until it disappeared. I knitted my family tree in brown wool. As proof of nothing, I proved the nonexistence of the word not.

For my Real Hair Cap, I’ve collected my own hair three years long, felted it to small beads, strung and sew a cap out of it.

Everything I have done, everything I have eaten, everything I have smoked, everything I have experienced, everything I’ve had contact with is stored there.

100 days I have ever stuck a leaf on my stomach and worn a necklace with a graphite piece on it. This resulted in 100 belly drawings. All similar, but not the same. My seismographic body. An archive of my movements.

The Mörschiversum is also my archive. An archive of my life that has grown over the years.

In February 2018, dressed in my hand-sewn Siga Overall (jumpsuit), with my Real Hair Cap, I finally announced my Mörschwerdung (Becoming Mörsch).

Nisrek Varhonja was right-handed. Kerstin Mörsch paints and draws with her left hand.

Kerstin Mörsch, january 2019